Der echte Mensch

Wie die Bürger*inneninitiative Pulse of Europe den Populismus annektiert

Er war ein Phantom. Politiker*innen aller Lager verneigten sich vor ihm, Publizist*innen beschworen ihn. Er war das Zentrum vieler Reden, ein Messias. Sein Heilsversprechen: eine utopische Gemeinschaft. Seine Kraft: seine Einfachheit. Er hat sich lange verborgen, doch nun ist er da: der europäische Mensch. Bei den wöchentlichen Pulse of Europe-Demos kann man ihn bestaunen, ihm zuhören und sogar selbst einer werden.

Ernst-August-Platz Hannover, Sonntagnachmittag, 14 Uhr. Die dritte Woche in Folge ruft die zivilgesellschaftliche Initiative Pulse of Europe, die im vergangenen Jahr von einem Frankfurter Anwaltspaar gegründet wurde und sich seitdem dezentral organisiert und vor allem in Deutschland ausbreitet, zur Demonstration am Hauptbahnhof auf. Ein Zeichen soll gesetzt werden, „dass sich viele Menschen aktiv für den Erhalt eines demokratischen und rechtsstaatlichen, vereinten Europas einsetzen.“ (Einladung) Ungefähr 300 dieser Menschen sind gekommen, so sagen es die Organisatoren unter Applaus durch. Das ist zwar immer noch überschaubar, aber auch eine deutliche Steigerung gegenüber den Vorwochen. Und der Zusammenhang ist ohnehin größer: In 48 anderen Städten in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Portugal, Belgien, Österreich und den Niederlanden finden zeitgleich Versammlungen statt. Wie viele es insgesamt sind? Schwer zu sagen, aber längst genug um die Aufmerksamkeit von Presse und Parlamentsabgeordneten zu erlangen. Und das Wichtigste dabei: Es sind echte, wahre Menschen. Aus unserer Mitte. Wie du und ich.

Populismus, heißt es, ist eine politische Verführungskunst, die ihren Reiz im Angebot einfacher Lösungen, klarer Unterscheidungen und absoluter Wahrheiten hat. Populismus ist in diesen Tagen kein Gespenst, sondern ein ziemlich reales Monstrum, das nicht nur Europas Schlagzeilen, Erregungsdynamik und Agenda bestimmt. Populismus ist ein Kampfbegriff mit Entsprechung. Populismus ist ein Phänomen, das wahlweise als Untergang oder als wichtiges Ingredienz der Demokratie betitelt wird. Und Populismus bezieht sich auf die angenommenen Meinungen und Sehnsüchte eines „Volks“, das in Opposition zu einer ihm angeblich enteilten „Elite“ gesetzt wird. Erfolgreiche Populist*innen vermögen es, sich vor einer Menschengruppe als von dieser „Elite“ unabhängige und wahre Vertreter*innen der volkseigenen Bedürfnisse zu inszenieren. In Bezug auf Europa und seinen fortschreitenden Integrationsprozess gibt es drei dieser Populismen: Der eine ist ein nationalistischer und reitet derzeit auf einer Erfolgswelle aus Angst, Abschottung und Austritten. Er wird betrieben von einschlägigen Demagog*innen wie Orban, Le Pen, Johnson, Wilders, Seehofer und befolgt von rechtsextremen und –konservativen Bewegungen genau wie mehrheitlichen Gesellschaftsteilen. Der zweite ist ein nationaler linker, der sich vor allem in den südlichen Mitgliedsländern in Form von Parteien wie der griechischen Syriza und Bewegungen wie der spanischen Podemos gegen das neoliberale Antlitz der maßgeblich von Deutschland durchgesetzten europäischen Sparpolitik wendet. Er wird geteilt von denen, die unter dieser Politik leiden und die Phrase der europäischen „Solidarität“ zurecht als solche kritisieren. Und der dritte ist ein transnationaler, der bisher vor allem von pro-europäischen Politiker*innen selbstkritisch bedient wird, wenn es in Anbetracht von Umfragen und Wahlergebnissen pflichtschuldig heißt, man müsse diesen kontinentalen Zusammenschluss zu einem „Europa der Menschen“ (Cohn-Bendit u.a., aber auch Le Pen) machen. Bislang konnte man ihn keiner nennenswerten politischen Bewegung zuordnen, aber wenn die Artikulierung individueller Bürger*inneninteressen und –erfahrungen der Maßstab ist, dann hat Pulse of Europe gute Chancen, zum erfolgreichen Beispiel eines naiven, gut gemeinten und tatsächlich konstruktiven Populismus zu werden.

Der Populismus der Pulse of Europe-Versammlungen besteht zunächst darin, eine Bürger*inneninitiative sein zu wollen, „die keine parteipolitischen Ziele verfolgt.“ Tatsächlich sieht man auf den Demos keine prominenten Politiker*innen, keine Logos außer der EU-Flagge. Lobende Erwähnungen werden zwar auf der PoE -Website verlinkt, aber dass das hier vertretene Europa von beispielsweise dem des Großkoalitionärs und Grenzschützers Oppermann, der im Bundestag warme Worte findet, stark abweicht, wird gleichzeitig schnell klar. Wenn die Organisator*innen die Demonstrierenden zum Open Mic bitten beispielsweise: Jede teilnehmende Person ist eingeladen, die individuelle Motivation ihres Erscheinens mit den anderen zu teilen. Und das tun viele: Ole erzählt, wie er damals Interrail gemacht hat und dass er diese Erfahrung allen wünscht. Ein anderer sagt, sein Bild von Europa entstamme seinem Erasmus-Jahr: Da sei die Schlange für Europäer an irgendeinem Schalter kürzer gewesen als die für Nicht-Europäer und das präge ihn bis heute. So geht es im Kurztakt reihum, der Tenor aller Beiträge: Verteidigenswert an Europa ist, was das Leben leichter, friedlicher, harmonischer macht. Und natürlich, was lecker ist: Unter Verweis auf die anstehende Wahl in den Niederlanden verteilt eine Frau, deren Namen ich vergessen habe, eine Runde Käsewürfel, auf die Fähnchen aller EU-Mitgliedsstaaten drapiert sind. Das alles hat den Charme eines unprofessionellen Poetry Slams, einer improvisierten Fürbittenlesung. Menschen beklatschen sich für ihren Mut, voreinander und füreinander auszusprechen, was sie bewegt, was sie verbinden mit Europa. Als das Mikro und der mitgebrachte Miniverstärker ausfallen, brüllt ein Redner einfach strahlend über den Platz und erntet Extraapplaus. Als dann noch ein kleiner Junge nach vorn tritt und aufsagt, dass ihm „Europa sehr wichtig“ sei, steht die Rührung im Zenit. Die Demo ist ein Erfolg.

Denn der Populismus dieser Versammlung besteht im Bedienen nicht des Affekts, aber mindestens des Emotionalen. Er ist verwandt mit jenen Faszinosa des Ungeschliffenen, Einfachen, Unspektakulären, die unsere authentizitätshörige Gegenwart zeichnen. Hier bildet die gegenseitige Sympathie einen Raum, in dem frei von alternativlosen Sachzwängen erzählt, gewünscht, gefordert werden darf. Und was zu hören ist, ist zaghaft: Ein Interrail-Ticket für alle jungen Europäer*innen zum Geburtstag hatte in der Vorwoche ein Redner in Berlin gefordert. In Hannover träumt einer, alle Kontinente dieser Welt sollen sich doch nach dem Vorbild der EU zusammenschließen. Und natürlich sei an der EU auch nicht alles perfekt, bekennen die meisten. Die Grenzpolitik etwa, und hier in Deutschland sei man eben ohnehin auch sehr privilegiert. Dann wird weiter erzählt, geschmunzelt, genickt und geklatscht.

Es sei das Kennzeichen von Elite, „aus dem Widerspruch von Forderung und Konsequenz ein gewinnbringendes Paradox für sich“ gemacht zu haben, schreibt Bernd Stegemann. Liberaler Populismus sei es, die kritische Systemanalyse durch eine postmoderne Doppelmoral zu ersetzen: „Man fordert allgemeine Werte, beklagt dann die Not, sie im eigenen Leben nicht befolgen zu können, und verlangt für diese Ehrlichkeit moralische Anerkennung.“ Die Menschen bei Pulse of Europe tun gut daran, nicht in diese Falle zu tappen. Sie heucheln keine Betroffenheit, sie benennen Errungenschaften. Sie formulieren auch keine Fundamentalkritik, sie personalisieren ein konservatives Bedürfnis. Ihr Programm ist keine Revolution, sondern vielmehr der Erhalt. Vielleicht irgendwann mal ein bisschen Reform, aber darum geht es nicht primär: Es gibt ja die zehn Thesen, die Pulse of Europe formuliert hat, man wolle sie jetzt nicht verlesen, man könne sie im Internet nachsehen, meint ein Organisator zu Beginn. „Ich hab gar kein Internet“, meint da eine Frau aus der Menge und alle lachen.

Der echte Mensch und die Elite. Wie beliebig diese Konfrontation ist, zeigten zuletzt Martin Schulz ungelenke und umfrageeuphorisierte Distinktionsbemühungen. Wie falsch und missbräuchlich er in Bezug auf Europa ist, hat Robert Menasse in seinem Europäischen Landboten beschrieben. Für ein „Europa der Menschen“ und damit gegen … ja, was eigentlich? Ein Europa der Finanzmärkte? Der Hinterzimmer? Der Technokrat*innen? Der Nationalist*innen? Auch diese Fallen umgeht Pulse of Europe einigermaßen sicher und munter. Dass ein Teilnehmer davon spricht, man müsse „Europa besser erklären.“ Geschenkt. Dass einen Organisator die gleiche Euphorie ereilt und er mit sichtbarer Freude sein „Fahnen hoch!“ ruft; dass seine Gesten und Phrasen wie aus einem Abgeordnetenlehrbuch wirken. Nicht mehr als ein bisschen drollig. Es ist den Pulse of Europe-Demos zu wünschen, dass sie sich diese Unbefangenheit noch eine Weile beibehalten. Es ist ihnen aber genauso zu wünschen, dass sie mehr bewirken als die öffentliche Rührung und Lobhudelei. Es ist uns allen zu wünschen, dass die Besinnlichkeit der sonntäglichen Zusammenkünfte nicht zu Kitsch wird oder sich in einer verführerischen Opposition zu Entscheidungsträger*innen verliert, sondern sich mitnehmen und umwandeln lässt in vereintes Engagement.

Das liberale Europa hat den skeptischen und ironischen Individualisten hervorgebracht und erlebt nun, wie dieser zusammenkommt mit seinesgleichen, um das Leben zu verteidigen, wie er es kennt. Der echte Mensch trägt bunte Regenjacke und eine Schaumstoffnase. Er wedelt mit einem ausgeteilten Europafähnchen und friert ein bisschen im Frühlingswind. Stellen wir uns dazu und wärmen uns für alles, was da kommen mag.

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