Rasenball und Tradition

Ich war mal wieder im Stadion. Ich war in Leipzig über Ostern und der SC war zu Gast, der SC Freiburg, also der Verein der Stadt im Breisgau, die ich letzten Herbst verlassen habe, und da war das Spiel ein schöner Anlass, etwas Heimatgefühle aufzukochen. Also, es geht um Fußball, falls das noch nicht klar sein sollte. Ich war im Stadion und habe Fußball geschaut. Tabellenzweiter gegen Tabellenfünfter, zwei Bundesligaaufsteiger gegeneinander. Samstag, 15.30 Uhr, frische Luft. Geil.

Nun ist es nicht so, dass mir das Spiel besonders wichtig wäre beim Stadionbesuch. Es gibt gemütlichere Arten, Fußball zu betrachten. Das Sky-Abo (bzw. der Stream) ist billiger als noch der hinterletzte Stehplatz, und pöbeln oder fachsimpeln lässt sich auch in der Kneipe, auf dem Sofa oder auf Twitter. Wenn das ganze Spektakel, das den Fußball heute umgibt, erst einmal wegbleibt, wenn der Blick nicht konferiert oder auf den Second Screen schweift, fällt auf, wie langweilig so ein Fußballspiel sein kann. Die Abstände sind größer, die Bewegungen langsamer, die Spieler sind menschlicher. Interessant sind Stadien aber als Versammlungs- und Entlastungsräume. Als Soziotope einzigartig, als Aufführungsorte vielschichtig.  Von Feuilleton und BILD gleichermaßen anerkannt als Kulturstätten von besonderer Bedeutung.

Iiiiiiiihr macht unsern Sport kapuuuuutt
iiiiiiihr macht unsern Sport kapuuuuutt
IHR MACHT UN-SERN SPORT KA-PUTT

In Leipzig liegen die Dinge nun ein bisschen komplizierter: Seit Red Bull im Jahr 2009 in die Oberliga der fußballerisch dahin darbenden Region den RasenBallsport Leipzig e.V. pflanzte, ist die deutsche Fußballwelt in Aufruhr. Spätestens seit dem Bundesligaaufstieg im vergangenen Jahr ist sie im Krieg. Wo immer RB auftaucht, wird protestiert oder Hass artikuliert, mit Spruchbändern und Gesängen, durch den Boykott ganzer Halbzeiten oder auch, wie jüngst in Dortmund, in klassischer Form von Gewalt. Konzernwerbung, fragwürdige Vereinsstrukturen, Spielerschiebereien – die Liste der Vorwürfe ist einschlägig und lang. Dass die junge Mannschaft sich von all dem sichtlich unbeeindruckt zeigt und eine furiose erste Bundesligasaison vermutlich als Vizemeister beenden wird, mag noch dazu beitragen, dass RB den FC Bayern zumindest als größtes Feindbild des deutschen Fußballs bereits abgelöst hat.

Aaaaaaaalle Buuuullen sind Schweeeeeeeineeeee
Aaaaaaaalle Buuuullen sind Schweeeeeeeineeeee

Die drei Männer neben mir brüllen Richtung Spielfeld, aber zielen in ihren Rücken. Hinter ihnen haben vier Zuschauer*innen an der falschen Stelle geklatscht und sich als Einheimische geoutet. Mehr noch: Auf die Nachfrage, was sie hier im Gästeblock zu suchen hätten, haben sie geantwortet, sie seien auch Gäste und vor allem Fußballfans, die einfach ein schönes Spiel sehen wollen. Den Männern mit den SC-Schals sind Spott und Verachtung in die ledernen Gesichter gestiegen. Am Abend vorher hatten wir noch zufällig gemeinsam in einer Kneipe gesessen und uns am gemeinsamen Freiburg-Bezug erfreut. Sie hatten ihren Schal auf den Tisch gelegt und auf Badisch die Bedienung belästigt. Ein seltsames Heimatgefühl hatte mich da gepackt, nach der Stadt, in der ich selber nur fünf Jahre war. Jetzt sind sie mir unendlich fremd. Sie werden 90 Minuten lang auf die Leipziger*innen hinter uns einhacken. Ich werde sie mit Mitleid und Interesse beobachten.

Wenn wir im Stadion steeeeehn
den SCF spielen seeeehn
gegen Werksvereine
oder jede AAAAGEEEE
sind wir für dich da
und wissen genau
es gibt nur eeeeeeineeeeen
Sportclub Freiburg e.V.

Ich schaue mir wirklich gerne Ultra-Gruppen an. Ich liebe die Verbissenheit, mit der (vor allem) schwarz gekleidete Männer die Faust ballen und einem eingetragenen Verein huldigen. Ich finde etwas Poesie in ihren Liedern, deren ungelenke Texte niemand versteht, weil sie viel zu ambitioniert sind, weil sie von bierschweren Zungen viel zu unartikuliert vorgetragen werden. Es gab eine Zeit, da war das meine Subkultur. Nachdem ich Metal, Punk und Hip Hop probiert hatte, wollte ich mit 16 Jahren Ultra sein. Ich stand zwei Jahre im Stuttgarter Stadion, fuhr zu Auswärtsspielen und schwenkte Fahnen, schrie gegen Badener, Bayern und Fischköpfe. Davon ist nichts geblieben als Interesse für den VfB und Fankultur im Allgemeinen, doch wenn die drei Männer neben mir das wüssten, ich wäre auch eine Zielscheibe. Aber wäre ich ihnen lieber als die neutralen Leipziger*innen hinter uns?

Die Ultra-Bewegung zeichnet sich seit ihren Anfängen in den 80er Jahren in Italien durch eine enorme Politisierung des Fantums und einen geradezu orthodoxen Traditionalismus aus. Lieblingsgegner sind Investoren, die Polizei und die Gruppen anderer Vereine. Die in Italien und Osteuropa zum Teil offen zur Schau getragene Rechts- oder Linksextremität wird in Deutschland zumeist unter dem vermeintlich unpolitischen Samtlaken der Vereinsliebe verdeckt. Auch wenn sich in letzter Zeit manche Szenen klar gegen Rassismus (oder seltener auch dafür) positioniert haben, bleibt die Stehtribüne ein Sammelbecken verschiedenster Ansichten und Radikalitäten. In unseren, bis vor kurzem nachpolitischen Zeiten, bedient der Fußball eine Sehnsucht nach Identifikation und Polarisierung, wie sie sonst nur Religion kennt.

Stiiiiiiiiiimmung wie in Wa-tten-scheeeeeeid
Stiiiiiiiiiimmung wie in Wa-tten-scheeeeeeid
Stimmung wie in Wa-tten-scheid!

Die Red Bull Arena hieß früher Zentralstadion und liegt im Leipziger Nordwesten, zwischen Schrebergartenkolonien und Stadtwald. Über die abgewetzte Festwiese läuft man auf den Glockenturm zu, Stufen hinauf zum Eingang, dann noch einmal Stufen und dann wieder runter. Wie im Innern eines Kraters wölben sich die Tribünen empor. Das einstige Stadion der Hunderttausend wirkt eingefallen und gedrängt, es fasst heute weniger als die Hälfte seiner DDR-Kapazität. So verschanzt liegt das Stadion, das fette Red Bull–Logo fällt mir erst jetzt auf, obwohl es nach außen weist und ich nur den Rücken sehe. Was hatte ich erwartet? Brause überall? Betriebsausflug und Kundenevent? Hhm. Menschen wirbeln ihre Schals, sie klatschen, sie hüpfen. Ja, ok, die Trommel klingt von fern wie ein dünner Blecheimer, aber der Rhythmus treibt nach vorn. Die Zaunfahnen sehen nach Copyshop aus, und es sind insgesamt zu viele Bullen-Logos und -wortspiele, als dass man an eine eigenständige Entwicklung glauben würde. Aber alles in allem haben sie sich das ganz glaubhaft abgeschaut mit der Fankultur, denke ich. Manchmal singen sogar beide Kurven.

Ey, du Lutscher, du musch des Megafon in eine Richtung haldn!

Die drei Männer geben dem Vorsänger des Freiburger Blocks freundliche Ratschläge. Einer trägt einen auffallend goldenen Ohrring. Der zweite hat vernarbte Wangen, der dritte weiße Haare und ein gutmütiges Gesicht. Alle haben sie glasige Augen und schwarz-rote Schals. Wir stehen nah am Spielfeld, aber nicht bei der aktiven Gruppe ganz unten. Zwischen uns sind einige, die schweigen und nur ab und zu im Klatschtakt wippen. Die drei Männer brüllen engagiert und motivieren die Umstehenden. Sie wären vermutlich auch gerne Ultras, aber sind Familienväter auf Osterausflug, Physiklehrer oder sonst was. Angesehen auf ihrem Dorf, hier bemüht um Profilierung.

WA-RUM BIST DU HU-RE SO HÄSS-LICH??

Vor der Pause macht Timo Werner das 2:0 für Leipzig. Der Mann mit dem Ohrring dreht sich zu den Leipziger*innen um und klatscht ihnen höhnisch zu. Geiiiiiiler Rasenball ey, geiler Rasenball. Macht richtig Spaß beim Zuschaun. Die vier Leipziger*innen verhalten sich ruhig. Sie tragen matte Schiebermützen und rundliche Gesichter. Nichts Provokantes ist an ihnen. Hier aber im Gästeblock werden sie zu Feindbildern erklärt in einem konstruierten Kulturkampf zwischen denen, die sich als Fans definieren und denen, die einfach zuschauen wollen. Wie fanatisch muss ein Fan sein?

Pausentalk mit einer weniger besoffenen Zuschauerin:

– Der mit den Haaren, der is mir echt unsympathisch.
– Wen meinst du?
– Na, der mit den Haaren, mit der 9 oder so.
– Yussuf Poulsen, meinst du den?
– Ja, keine Ahnung, der is privat bestimmt auch echt in Ordnung, aber so is der echt unsympathisch, wie der spielt und so.
– Mmh.

Sie ringt nicht unbedingt nach Argumenten, doch ich versuche, sie ernst zu nehmen. RB Leipzig ist nicht der erste Konzernverein in Deutschland und schon gar nicht der erste, der mit finanziellem Aufwand sportlichen Erfolg erkauft. Es ist in seiner auf die Entwicklung von (zugekauften) jungen Spielern ausgelegten Strategie sogar weniger eventorientiert als jeder beliebige Club aus England, Spanien oder China. Was ist es also, was polarisiert so an dem neuen Klub?

Ey, wer sich so fallen lässt, der hat in der ersten Liga nichts zu suchen…

Freiburg spielt einen größtenteils fürchterlichen Fußball an diesem Samstag. Zaghaft, planlos, harmlos. Liebe gründet nicht in rationalem Denken, das ist mir schon klar, aber als Argument gegen RB Leipzig taugt die Qualität des Fußballs am heutigen Tag in beide Richtungen nicht.   Kurz nach der Pause schießt Naby Keita von der Strafraumkante trocken zum 3:0 ein.  Des isch alles von meim Geld bezahlt!, brüllt der Narbenmann ins Nirgendwo. Zahlst du überhaupt den Soli?, fragt ihn einer der Leipziger*innen versucht kumpelhaft von hinten und es ist der Moment, in dem aus drei betrunkenen Freiburgern echte Fratzen werden. In dem in den Spaß am Pöbeln echter, ernsthafter, kalter Hass kriecht. An dem sie so knapp davor sind zuzuschlagen, so knapp, zeigt der Ohrring-Mann mit seinen Fingern an. So knapp. Es hat nur diesen Stich gebraucht, um das Fass der kollektiven Vorurteile und Feindbilder sprudeln zu lassen:

– Geh arbeiten, statt hier rum zu proleten!, proletet der Narbenmann rum.
– Ja, genau, du scheiß Nazi. AfD-Wähler, du., pflichtet ihm der Mann mit dem gutmütigen Gesicht bei. Und der Ohrring-Mann schreit aufs Spielfeld: Ey, du Schwuchtel! Kauf dir neue Haare, du Lutscher!

Der populärste Vorwurf gegen RB Leipzig ist ja, der Verein habe keine Tradition, auch die drei Männer lallten davon. Was auch immer damit gemeint ist: dass kein Pokalsieg ’54  zu Buche steht, keine Jahrhundertelf gewählt werden kann, keine Tragödien von Auf- und Abstieg zwischen Ligen überliefert sind vermutlich. Stimmt ja auch. Es ist auch nicht verwunderlich, dass sich um einem Sport, der derart populär und hip geworden, so verkauft, entkernt und aufgeblasen, so überblank zurückgestrahlt, ein Traditionalismus entwickelt, der in seiner sympathischsten Form als Korrektiv gegen Spieltagsaufsplittungen und andere Funktionärsfantasien wirkt und in seiner skurrilsten als lokalpatriotische Identitätsprothese bis hin zur Verehrung untergegangener Königreiche (glaubt mir, ich war dabei). Es wird da unangenehm, wo Tradition nicht nur zum unreflektierten Wert an sich, sondern zum selbstgegebenen Recht auf projektive Abscheu wird. Zur Chiffre für Bequemlichkeit und platten, dumpfen Hass auf alles Umstehende, das nicht dem eigenen Homogenitätsanspruch genügt.

In der 78. Minuten wird bei den Gastgebern Oliver Burke eingewechselt: Ooooooliveeeeeer BUR-KA!, kreischen die drei Männer freudig erregt und ziehen sich mit den Fingern einen Schlitz vor die Augen. Als Çağlar Söyüncü zum wiederholten Mal einen höheren Rückstand für den SC verhindert, beugt sich der Narbenmann kumpelhaft zu mir rüber:

– Den Super-Ü kaufetse uns im Sommer auch weg, oder was meinsch du?
– Wer?
– Na hier, die scheiß Bullen.
– Mmh, keine Ahnung, hier würde der doch auch nur auf der Bank sitzen.
– Was?
– Ich sag, hier würde der doch gar nich spielen.
– Bisch du von hier oder was?

Nene, ich war nur mal wieder im Stadion. RB Leipzig qualifiziert sich durch den letztlichen 4:0-Sieg sicher für den europäischen Wettbewerb, und es müsste schon viel schief gehen in den letzten Spielen, wenn damit nicht die Champions League gemeint sein sollte. Der deutsche Fußball wird sich dran gewöhnen müssen, dass er international von einem anderen Vereinsunternehmen repräsentiert werden wird, das auch noch relativ ansehnlichen Fußball spielt. Die Frage ist zwar, ob er sich irgendwann davon auch repräsentiert sehen will. Aber wer ist schon der Fußball?

LEIP-ZICH INTERNATIONAAAAAAAL … kann man nuuuuuur besoffen sehn

Abpfiff. Der Ohrringmann dreht sich zu den Leipziger*innen und klatscht ihnen ins Gesicht, bis sie sich verabschieden. Wir sind nicht mal von hier, versuchen sie es noch einmal. Tschüss, ihr Wichser!, sagt der mit dem gutmütigen Gesicht. Das muss so sein, sagt die weniger betrunkene Zuschauerin noch und meint wahrscheinlich, dass die drei noch zu ganz anderem fähig wären, wenn sie nicht alle paar Wochen ins Stadion könnten um sich abzureagieren. Ist ein Punkt. Aber als Argument gegen RB Leipzig hat an diesem Nachmittag nichts von alldem getaugt. Trotzdem: Ich gehe bald wieder ins Stadion. Es gibt immer was zu sehen.

Bild: Christian Meyer

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