Europa als Museum

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Wir sehen Venedig das erste Mal von unserer Fähre aus. Nach einer halben Stunde Fahrt durch die Lagune taucht hinter einem Landvorsprung die sonnenbeschienene Silhouette mit Dogenpalast und Markusdom auf. Vorbei an anliegenden Luxusyachten und uniformierten  Gondolieris gleiten wir auf die Stadt mit dem klingenden Namen zu. Wir springen in San Marco ab und zwängen uns durch Reisegruppen aller Länder die Hafenpromenade entlang. Ich habe das alles schon einmal gesehen, denke ich, und freue mich über einen weiteren Haken auf meiner Weltkarte. Endlich bin ich einmal da.

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Wir sind in einem Themenpark gelandet, denke ich beim Pizzaessen. Wir bewegen uns durch eine Kulissenstadt, die zum Vergnügen erhalten wird, durch optisch betörende Mittelaltergassen zu wandeln und vielfach bekannte Motive ein weiteres Mal abzulichten. It’s like an open air museum, hat unsere Gastgeberin gesagt und damit wohl gemeint, dass es viel zu gucken gibt. Ich denke eher daran, dass ich ohne angelesene Zusatzinfos wenig mitnehmen würde außer ein paar visueller Reize. The influence of Venice on the development of architecture and monumental arts is considerable […] [and] changed the perception of space, light and colour thus leaving a decisive mark on the development of painting and decorative arts in the whole of Europe, begründet die UNESCO Venedigs Welterbe-Status. Was hat das mit mir zu tun?

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Wir sind Tourist*innen. Wir flanieren durch die Welt und bewerten Orte nach ihrer Erlebnisqualität. Wir tragen nichts bei und sind schnell wieder weg. Wir reisen nicht, wir trippen. 5 Millionen Menschen besuchen jedes Jahr im Schnitt Venedig, bis zu 1500 Kreuzfahrtsschiffe ankern hier im gleichen Zeitraum. Die Einwohner*innenzahl dagegen ist seit Jahren schon rückläufig. Auch deswegen drohte die UNESCO vor Kurzem, Venedig von der Welterbe-Liste zu streichen. Die Stadt kündigte nun an, bis Jahresende den Zugang zum Markusplatz zu limitieren. Aber kommen deswegen weniger? Auf dem Weg zur abendlichen Fähre geraten zwei Reisegruppen aneinander. Ein Senior aus Bayern beschimpft eine Seniorin aus Sachsen: Sie haben sich ganz schlecht benommen. Wir gehen allen auf die Nerven und am meisten unseresgleichen.

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Der Weg nach Oświęcim ist langsam und verwischt. Schon früh am Morgen stockt der Verkehr auf der schmalen Landstraße. Kreisverkehre bremsen die Fahrt, die wenigen Häuser sind von dichtem Wald umgeben. Zur Rechten verlaufen Hochspannungsleitungen. Auschwitz wurde auch wegen seiner guten Zuganbindung als Standort gewählt, wird unsere Reiseführerin Olga später sagen. Wir schauen ein paar Mal auf das Navi und haben plötzlich einen großen Parkplatz zur Linken. Ein Schild, zwei Reisebusse. Wir sind da.

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Das ist der berühmte und zynische Schriftzug „Arbeit macht frei“, mit dem die Nazis ihre Opfer verhöhnten. Wir stehen vor dem Eingang zu Auschwitz I, dem auf einem polnischen Kasernengelände errichteten Stammlager des größten Konzentrations- und Vernichtungskomplexes der SS. Olga wird uns für vier Stunden über das Gelände führen. Wir stehen in der ersten provisorischen Gaskammer, sehen die Schuh-, Brillen- und Haupthaarhaufen der im Lager Ermordeten. Wir streifen durch die Folterkeller der Gestapo und stehen vor der Erschießungswand im Todesblock 11. Ich habe das alles schon einmal gesehen, denke ich und bin erstaunt, dass es das erste Mal ist. Endlich bin ich einmal hier.

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2 Millionen Menschen haben die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau im Jahr 2016 besucht. Die Besucher*innenzahlen steigen, seit sie in den 90er-Jahren zeitweise eine halbe Million unterschritten hatten. Und die Massenbesuche sind gut organisiert. Es gibt Führungen in diversen Sprachen. Es gibt Snackbars, eine Poststelle, eine Wechselstube. Wie ein kleines Dorf, denke ich und freue mich vor allem über die vielen Schulklassen, die uns begegnen. Ich werde aber auch empfindlich: Wenn Olga uns Bilder von der Rampenselektion zeigt und im nächsten Moment bestimmt nach links oder rechts schickt zum Beispiel. Und markieren lassen will ich mich hier eigentlich auch nicht. Ich ziehe den Ticketaufkleber von meiner Jacke.

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Warum eigentlich immer die Deutschen? Ich hole morgens Brötchen in Ca’Savio, unserem Wohnort außerhalb von Venedig. Ein kleiner Junge im Manuel Neuer-Trikot bestellt fünf Semmeln und drei Schogograpfn. Die Verkäuferin nickt freundlich. Man spricht Deutsch hier. Später dann im Hafen herrscht eine teuer gekleidete Seniorin den Ticketverkäufer an, wenn Sie auf Deutsch verkaufen wollen, dann müssen Sie auch richtig Deutsch können! Ist das dieser unverkrampfte Patriotismus oder nur gewohnter bürgerlicher Kleingeist? Jaja, machen Sie, was Sie wollen, ciao!, lächelt er ihr grammatikalisch einwandfrei hinterher. Ich spreche den Rest des Tages Englisch, um nicht für Deutsch gehalten zu werden.

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Zwei Stunden sind wir jetzt schon durch Auschwitz I gelaufen. Mein Magenknurren kommt mir unangebracht vor. Olga spricht routiniert, aber mit Nachdruck. Stellen Sie sich das mal vor, sagt sie immer wieder, und: Ich habe gesagt…, um dann noch einmal Fakten zu wiederholen. Es ist ihr wichtig, dass wir etwas mitnehmen von hier, das über Rührung oder Sensationslust hinausgeht. Aber ich denke die meiste Zeit: Ich kann mir das nicht vorstellen. Wir bewegen uns durch einen perfekt erhaltenen Höllenort, der so gut erforscht ist wie nur wenige Stücke Zeitgeschichte. Alle Beweise sind zum Anfassen erhalten und mir fehlt die Fantasie. Wir gehen gleich nach Birkenau. Wir werden die Rampe entlanggehen und das zerstörte Krematorium 2 sehen, bereitet uns Olga auf den zweiten Teil vor.

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Wir schreiben Postkarten, auf denen die Rialto-Brücke und Gondeln abgebildet sind. Viele Grüße aus Venedig. Es ist schön hier und voll. Briefmarken kaufen wir nicht. Wir schaffen es hier eh nicht mehr, sie einzuwerfen.

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In Birkenau macht jede*r zweite Besucher*in Selfies auf den Gleisen. Die Gesichter verkünden ein unschuldiges Ich war auch da. Man kann sich über Pietätlosigkeit Gedanken machen, es aber auch als emanzipatorischen Akt verstehen, denke ich: Ein orthodoxer Jude in unserem Alter lässt sich durch den Zaun fotografieren. Eine Gruppe junger Israelis nimmt das Gelände aufgeregt schwatzend und mit ihrer Landesflagge auf dem Rücken in Beschlag. Für alle gilt das aber dann doch nicht, denke ich, und ertappe mich beim Gerührtsein: Wir wären hier wohl nicht gelandet. Oh, Gnade des späten Besuchs. Was machen wir hier?

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Ich muss mich immer wieder erinnern: Das hier war der Nullpunkt der Menschlichkeit. Hier fand über Jahre hinweg ungestört ein industrieller Massenmord an mindestens 1,1-1,5 Millionen Menschen statt. Das habe ich doch schon zweimal gesagt vorhin, sagt Olga zu einem älteren Mann, der offenbar nicht zugehört hat und zählt nochmal die wichtigsten Stichworte auf: Vernichtungslager, Rassenwahn, Selektion, … Ich frage mich, ob ich das alles schon zu oft gehört habe. In Yad Vashem damals habe ich geweint, warum nicht jetzt? Überhaupt weinen nur wenige hier. Ich erinnere mich: Die Alliierten zwangen die deutsche Bevölkerung nach Kriegsende, Konzentrationslager wie Buchenwald zu besuchen. In anderen Städten wurden Dokumentarfilme über das Lagersystem gezeigt. Dabei soll neben vereinzelten Ausbrüchen vor allem eine unheimliche Gefühlsstarre zu beobachten gewesen sein. Ich denke an Finsterworld und die Schüler*innengruppe, die sich beim KZ-Besuch ihrem überpädagogischen Geschichtslehrer widersetzt und eine Mitschülerin in einen der Öfen schubst. Werde ich hier geprüft? Und warum sind es immer wir Deutschen, die so etwas denken? Ich trete Steinchen vor mir her und rolle meinen Ticketaufkleber spielend zwischen den Fingern. Ich will unsinnige Dinge denken, die an der Sache vorbeigehen oder boulevardesk sind: Machen die Securities hier Witze über ihre Anstellung? War Hitler mal hier? Show respect, mahnen uns Schilder auf dem ganzen Gelände.

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Fahrradtour an der Lagune. Rückenwind und pralle Sonne. Granatäpfelbäume, Möwen.  Dösen am Wasser. Wie schön es hier ist.

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Manchmal kommen Bilder: Hinter dem angrenzenden Waldstück stößt ein Schornstein Rauch aus. Ein defekter Auspuff auf der vorbeiführenden Landstraße knallt wie ein Schuss. Hunde bellen. Ist das zu platt? Am Abend schauen wir Schindlers Liste und ich merke, wie meine Vorstellungen vom Holocaust auch durch solche Filme geprägt sind.

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Birkenau war ein Dorf, sagt Olga und meint die vorher hier ansässige polnische Gemeinde. Wie eine große Stadt, sagt sie dann und meint das Lager. Auf Antrag Polens sind die Ortsbezeichnugnen hier präzise getrennt: Die 40 000 Einwohner*innen zählende Stadtgemeinde Oświęcim will sich nicht überstrahlen lassen von der Bedeutung der Welterbestätte, die die UNESCO seit 2007 als explizit deutsches Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau bezeichnet. Dass diese heute noch existiert, ist dabei weniger selbstverständlich, als es ihr Status als historisches Fanal vermuten lässt.Planned as temporary structures and erected in a hurry using demolition materials, the natural degradation processes have been accelerating, summiert die UNESCO die Probleme der Konservierung. Diskutiert wurde auch schon einmal, ob das Gelände der Gemeinde Oświęcim zur Verfügung gestellt werden sollte. Seit 2009 sorgt sich die von Holocaust-Überlebenden gegründete Stiftung Auschwitz-Birkenau um den Erhalt des Komplexes. Die von internationalen Regierungen eingetriebenen 120 Millionen Euro sollen über einen jährlichen Zinsertrag auch dann noch die Finanzierung gewährleisten, wenn keine Zeitzeug*innen mehr am Leben sind, die druckvoll für weitere Spenden werben könnten.

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Ich höre nicht mehr zu. Olga erzählt und ich sehe: Einen Aufbau von geometrischer Perfektion. Eine antike Ausgrabungsstätte. Die Schornsteine der zerstörten Baracken ragen aus dem Boden, als seien sie einfach zwei Stockwerke abgesenkt worden. Wenn ich den Kopf neige, erkenne ich schwarz glänzende Steinmuster im Boden der Rampe. In der Herbstsonne und ohne Erklärung ist dieser Ort sogar schön. So fast ohne Menschen.

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Wir kaufen in einem beliebigen Souvenirladen in Ca’ Savio ein Jesuskreuz aus buntem Glas. Ein Geschenk für unsere WG. Wir werden es über den Badezimmerspiegel hängen.

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Was dieser Ort heute sein soll, das hängt auch von der Wahrnehmung seiner Besucher*innen ab, denke ich. Soll er ein Museum sein, eine Gedenkstätte oder ein Mahnmal? Soll er erfahrbar machen, berühren oder überwältigen? Soll er erzählen? Der anonyme Massentod wird durch hervorgehobene Einzelschicksale zwar emotionalisiert, aber nicht greifbarer. Die Aufladung dieses Orts – neben einem der Krematorien ragt der extra errichtete Galgen für Lagerkommandant Rudolf Höß – erschwert auch eine Auseinandersetzung mit ihm als konkretes und nacktes Zeugnis. Ein japanischer Tourist rotzt auf die Wiese und guckt danach ertappt bis gleichgültig. Später sagt uns Olga, dass die Asche der hier Ermordeten zum Düngen verwendet wurde und noch immer in den Böden steckt. Symbolisch ist hier gar nichts.

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Am Abend feiert Mother! Premiere auf den Filmfestspielen, drüben auf dem Lido. Wir gehen auf gut Glück vorbei und bleiben draußen. In den Tagen danach werde ich lesen, dass der Film in den USA auf heftige Reaktionen stößt. Zuschauer*innen verlassen angewidert bis wütend den Saal. Hier aber sind noch alle aufgekratzt und freundlich. Das ist wahrscheinlich Jennifer Lawrence, sage ich und zeige auf eine kleine, blonde Gestalt auf einem größeren roten Teppich am anderen Ende des Platzes. Wir sind müde und hungrig. Manchmal kreischen alle. Was machen wir hier?

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Dieser Ort sei allezeit ein Aufschrei der Verzweiflung und Mahnung an die Menschheit. Hier ermordeten die Nazis etwa anderthalb Millionen Männer, Frauen und Kinder. Die meisten waren Juden aus verschiedenen Ländern Europas. Auschwitz-Birkenau 1940-1945.

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Ich war innerhalb von drei Wochen auf zwei Trips nach Venedig und Polen. Dazwischen war nicht viel Zeit zum Verarbeiten der Eindrücke. Vielleicht überblenden sie sich deshalb so.

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Papst Johannes Paul II. hat mal gesagt, Auschwitz, das sei das Golgatha unserer Zeit. Aber nicht, dass sich jemand darüber wundere: Christentum und Auschwitz, das geht auch heute noch ganz gut zusammen. Im erzkatholischen Krakau hängt KZ-Werbung neben den schönsten Kirchen des Landes. Das geht wunderbar, das stört niemanden. Ist das diese christlich-jüdische Tradition?

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Ich empfehle Literatur, sagt Olga zum Abschied, nachdem es keine Fragen mehr gibt. Wir klatschen kurz und lassen es dann lieber. Ein Nachgespräch ist nicht vorgesehen. Was denken die vielen Jugendlichen, die hier durchgeschleust werden? Ich hätte gerne mit ihnen gesprochen, sie noch lieber nur gehört. Ich hätte gerne eine Zusicherung, dass so etwas nicht mehr passieren wird.

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Ich frage mich, ob die historische Einzigartigkeit dieses Verbrechens nicht auch die vielbeschworene Verantwortung dafür erschwert: dass das nicht mehr passieren wird. Bis dieses Lager in Betrieb war, gingen Jahre der Entrechtung und der weniger organisierten Ermordung von Menschen ins Land. In diesen Tagen reagiert die EU auf Polens Weigerung, Geflüchtete aufzunehmen, mit der Einleitung eines Sanktionsverfahrens. Eine große Mehrheit des Landes stellt sich pauschal gegen die Aufnahme von afrikanischen und muslimischen Menschen. In einzelnen Städten bilden sich zivile Initiativen gegen diese Blockadehaltung. Was hat das mit mir zu tun? You can also do something, sagt die Spendenbox am Ausgang und meint ein paar Scheine.

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Irgendwann in diesen Tagen lese ich im Internet herum. Spiegel Online titelt Gauland provoziert mit Rede zur Wehrmacht, und es wäre schön, wenn dieser Satz kein branchenüblicher Clickbait wäre, sondern einfach eine Information, die man zur Kenntnis nehmen und wieder vergessen könnte. Man könnte diesen Satz von mir aus jeden Tag irgendwohin schreiben, vielleicht hieße er auch irgendwann nur noch Gauland sagt etwas zur Wehrmacht und noch später Gauland sagt irgendwas. Man könnte Klappkalender zur Beruhigung der deutschen Volksseele drucken und auf der letzten Seite stünde Gauland ist tot und man könnte sich entscheiden, ob man nochmal von vorne beginnt oder das gute Stück nicht vielleicht doch mal in den Müll werfen sollte. In der so eingesparten Zeit könnte sich im Gegenzug jede*r Deutsche einmal in seinem Leben für vier Stunden durch Auschwitz führen lassen. Und nein, das wäre nicht diese Islamisierung. Gauland wird vermutlich bald einer Bundestagsfraktion vorstehen, in der Männer sitzen wie Wilhelm von Gottberg, der den Holocaust einen Mythos nennt. Warum eigentlich immer noch die Deutschen?

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Danke für die Postkarte! Hab mich sehr gefreut.
– Cool. Gern.
– Und wie war’s in Polen?

Bild: Valentin Gienger

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