Daguerreotopie

Am Mittag sitz ich, den Rücken etwas durchgedrückter als gesund, die Beine ineinander verknotet, umgeben von Büchern und gemütlichem Deep House vor einem Fenster, in dessen Ausschnitt es stürmt. Ein verdunkeltes Reihenhaus hebt sich unscharf gegen den Himmel ab, davor wiegen sich träge Baumskelette. Durch eine Plane auf dem Vordach stößt der Wind in heimlichen Formen, über allem liegen Tropfen. Es wird geraten, zuhause zu bleiben.[1]

Ein grauer Flieger gleitet durchs Bild. Am Boden detoniert ein Sprengsatz und ein Rauchpilz pufft empor, ein kleiner Rauchpilz, der ein paar Sekunden überkochend in der freien Fläche stehen bleibt. Daneben zwei Autos. Dann erscheint ein Flieger von rechts, seine Rotoren sind zu sehen, dann rollt ein anderer von links am Boden ins Bild. Stills from this clip: 152. Cameraman: Licursi. Related Links: Boeing B-29 Superfortress, Commemorative Air Force.[2]

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Wissen Sie, sagt Yōsuke Yamahata, der erst am Tag danach gerufen wurde, wissen Sie, sagt er zu seinem Nebensitzer, das Seltsame ist ja, I was completely calm and composed. In other words, perhaps it was just too much, too enormous to absorb . . . all I thought of was the photographs I had to take, and of how to avoid being killed. Es muss ein heißer Tag sein, viel zu heiß für diese Show, denn auf Yōsuke Yamahatas Haut sind rote Flecken eingebrannt. Über der Startbahn flirrt die Luft und auf der spärlich besetzten Zuschauertribüne wartet alles auf den Abflug, auf den Abwurf, auf Paul Tibbets, der noch einmal für sie starten wird, der winken wird aus einem rollenden Flieger, der verdammt nochmal ein Held sein wird und ist: Paul fuckin’ Tibbets.In other words, I thought only of myself. That might be shameful, but it was the reality of the situation and I can’t change it.

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heimlich sitzt zuhause bleibt ein durchgedrücktes Ich – rät Formen Tropfen Bäume, reiht sich dunkel ineinander, knotet mutlos schneidet aus und stößt beinahe rückwärts gegen Pläne, auf dem Vordach steht ein Mensch zu Mittag, dieser Mensch war nie Skelett, du hebst dich ab gegen den Himmel, stehst den Rücken zu uns noch auf deinem Steg, der führt nicht raus da[3]

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Wissen Sie, sagt Yōsuke Yamahata, der eine Sonnenbrille trägt, Fotografie war schon immer ein gefährlicher Beruf.[4].Daguerreotypie zum Beispiel, sagt Ihnen das was? Man hat Folgendes gemacht, passen Sie auf, man beschichtete versilberte Kupferplatten mit Joddampf, Brom und Chlor und lagerte sie im Dunkeln, denn sie waren sehr empfindlich. Wenn es Zeit war, setzte man sie durch ein Objektiv dem Licht aus, wodurch man auf ihre Oberfläche ein kopfüber stehendes und seitenverkehrtes Bild projizierte. Die Platten wurden dann mit Hilfe von Quecksilberdämpfen in einer Zyankali-Lösung zu einem farblosen Bild entwickelt. Die Daguerreotypie war das erste praktikable Verfahren der Fotografie-Geschichte und allen anderen Methoden der damaligen Zeit deutlich überlegen!  Die Quecksilberdämpfe und das Zyankali waren allerdings so schädlich, dass viele Daguerreotypisten daran früh verstarben, haben Sie das gewusst?

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du umarmst dein Kissen[5] alles denke ich als ruhig an einem Strand von dem kein Steg führt vor dem Schlafen dreh ich um die Beine einen Knoten rück an dich mit Schaum am Kinn und tropfe dunkel drück uns ineinander deine Augen gehen auf und in dein Kissen stößt du Dampf wenn alles aus ist schwimm ich fort in schwarzblau ohne Rand

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Das Verfahren hatte auch noch ein paar andere Schwachstellen, sagt Yōsuke Yamahata, dessen Kopf sich starr hält. Um das Bild, das waren ja letztlich nur einzelne Quecksilbertropfen, vor Oxidation zu schützen, musste man es luftdicht einfassen, denn sonst wäre es verfälscht worden. Dazu kam, dass Daguerreotypien durch ihren hohen Silberanteil dem Betrachter je nach Lichteinfall als Positiv oder als Negativ begegnen konnten![6]

Da läuft ein Mensch mit Hut schwarz-weiß, da liegen andre Körper. Überall ist Schutt verstreut, dahinter ragen Zäune. Halb im Nebel: Schornsteine. Hinter den Kuppen: ein Tropfen von Mond. In the photographs taken at or near ground zero, we search in vain for signs of life – at ground zero everything alive turned into powder and dust. Life itself is the missing term in these pictures.[7]

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Ich habe neulich irgendwo gelesen, sagt Yōsuke Yamahata, dessen feuchte Stirn jetzt leuchtet, dass die ersten Daguerreotypien die Bilder von Verstorbenen auf ihre Grabsteine brannten.[8]

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Der dioptrische Apparatfunktioniert ja ganz ähnlich, nur dass Bilder nicht kopfüber, sondern einfach seitenverkehrt auf die Netzhaut projiziert werden, so stelle ich mir das jedenfalls vor, wissen Sie?[9]

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Yōsuke Yamahata leckt die Reste eines Hotdogs aus den Löchern seiner Zähne. Das gelbe Gras am Rand der Startbahn zittert. Auf einem Asphaltkorn verpufft ein Käfer. Für einen absolut bedeutungslosen Atemzug oder Herzschlag oder Augenblick ist Harlingen aus Zeit und Raum gelöst.[10]Als würde etwas schweben oder fliegen oder fallen oder alles zusammen.

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Dann erscheint Paul Tibbets von rechts. Die anwesenden Zuschauer erheben sich von ihren Plätzen, dann beschleunigt er, Paul Tibbets, hebt sich ab gegen den Himmel, fliegt im Bogen über Feld, es blitzt und hinter ihm, da steht ein Pilz, der steht noch eine Weile, als Paul Tibbets wieder landet und aus seinem Flieger winkt.[11]

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Ach, ich weiß nicht sagt der Nebensitzer dann, ich stelle es mir vor als
würde Licht aus allem kommen:

Licht aus der Mauer
Licht aus dem Gulli
Licht aus der Nase den Schuhen dem Dackel
Licht aus dem gelben Gras da.

Wissen Sie, sagt Yōsuke Yamahata, der sich einen Hut aufsetzt, es ist gut, dass es die Bilder gibt, da muss ich nichts beschreiben.[12]

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Und dann ist es so:

Am Morgen lieg ich, die Augen nur halb aufgegangen, in einem platt umarmten Kissen. Da würd ich gern kriechen. Da hab ich manchmal ein Bild von dir.

Da bleib ich liegen, bis es auffällt.

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[1] So war es am 21. Januar 2018, 13:37 Uhr, als ich auf meinem Bildschirm ein Video guckte.

[2] http://www.criticalpast.com/video/65675041101_Air-show_Skydivers-descending_fighter-plane_B-29-Superfortress

[3] Wir waren uns am nächsten im Schreiben.

[4] Namen, die ich mal gelesen habe: Henri Huet, James Foley, Lee Miller, Gerda Taro, Anja Niedringhaus, Eddie Adams, Robert Capa, Yoshigo Matsuhige, Seizo Yamada, Toshio Fukada (from safe(r) distances), Alice Schalek, Horst Faas, Larry Burrows, Dana Stone, Roger Fenton, Camille Lepage, Philip Jones Griffiths, Don McCullin, Nick Út, Alexander Gardner, Timothy O’Sullivan, Margaret Bourke-White, Christine Spengler, Steven Sotloff, George Silk, James Nachtwey.

[5] So steht es bei Hilde Domin, aber das hast du ja auch wirklich gemacht.

[6] Dann erscheint ein Flieger von rechts, seine Rotoren sind zu sehen, dann rollt ein anderer von links am Boden ins Bild.

[7] http://www.americansuburbx.com/2009/11/theory-nagasaki-journey-photographs-of.html

[8] am strand sitzen krähen in heimlichen formen sie dampfen so still

[9] Eingebrannt hat sich gar nichts. Ich komme in das Zimmer und höre dich stöhnen und du hast die Augen verdreht und du bist dünn und wir sitzen bei dir und dann bist du weg und dann kommst du wieder und dann bist du weg und was weiß ich wohin und wir liegen da und dann wird es vorm Fenster blau und so war es und so war es nicht am 21. Februar 2013, 4:26 Uhr.

[10] Ein Fenster von 45 Sekunden, wobei manche auch 43 sagen.

[11] US sorry for Fake Hiroshima

[12] fremde formen bauen mit den krähen auf dem vordach / blau vorm fenster ausgeschnitten / wie du schwimmst


Zuerst veröffentlicht im NERV-Magazin, 04/2018, Ausgabe „Licht“.

Illustration: Carlo Frisch

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